| Der Weg nach Echternach |
|
|
 |
|
|
 |
 |
 |
 |
|
|
| Es war ganz einfach: Regenschutz, Ersatz-T-Shirt, Mineralwasser,
Shorts, Wanderschuhe, Rucksack. Und jetzt der erste Schritt. Doch dass
ich ihn wirklich gehe, hätte ich nicht gedacht. |
|
|
 |
|
|
| Es ist Pfingstsonntag, kurz vor 13 Uhr,
als in der Salvator-Basilika im Eifelstädtchen Prüm die Andacht
vor der traditionellen dreitägigen Fußwallfahrt über 68
Kilometer zur berühmten Springprozession im luxemburgischen Echternach
beginnt. Am Eingang der Kirche verkauft Monika Rolef dreieckige Pilgertücher
aus Leinen. Ich frage Sie nach der Wettervorhersage. Die Antwort: "'Entweder
sprenge se ze Prim naaß und ze Echternach drei - oder ze Echternach
naaß und ze Prim drei,' heisst es seit alters her". Wir werden
sehen. |
 |
|
 |
|
|
| "Das Beten verlernt man nicht!", hatte mir Wallfahrtsleiter
Klaus Meyer mit auf den Weg zu meiner ersten Pilgerreise gegeben. Er muss
es wissen, denn er leitet die Echternach-Geher seit 1954. Ich erstehe
für einen Euro das kleine Pilger-Gebetsheft mit den Marien-Rosenkränzen
und Liedern. |
|
|
 |
|
|
| Drückend schwüle Hitze, als die
rund 350 Pilger aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten gegen
13.30 Uhr die Kirche hinter einer "Springergruppe" und dem Musikverein
Prüm verlassen. Sie gehen in zwei Reihen hintereinander auf der rechten
Straßenseite. In der Mitte alle circa 20 Meter "Brudermeister"
mit einem messingverzierten Stab für die Gebets- und Pausenkommandos.
Wallfahrtsorganisator Klaus Meyer erklärt die "Arbeitsweise"
der Vorbeter. Am Ende ein "Besenwagen" des DRK und ein Planwagen
für das Gepäck. Am Straßenrand Zuschauer, viele mehr oder
weniger gaffend. |
|
|
 |
|
|
| Es geht nach Waxweiler, 20 Kilometer durch das romantische Prümtal.
20 von 68 über Asphalt. Am Nachmittag Gewitterschauer. Um halb acht
Uhr am Abend sind wir da - und noch 48 Kilometer vom Ziel entfernt. |
|
|
 |
|
|
|
"Hier mahnte vergebens St. Willibrord..."
|
|
 |
 |
 |
| 5.50 Uhr am Pfingstmontagmorgen läuten
die Glocken der Pfarrkirche zu Waxweiler zum zweiten und eigentlichen
Start der Wallfahrt. Denn erst seit 1860 geht die Pilgergruppe ab Prüm
nach Echternach. Angefangen haben soll alles hier, und zwar 729. Eine
Gedenktafel am Kirchturm erklärt warum: "Hier mahnte vergebens
St. Willibrord/ die Frevler, die tanzten am heiligen Ort./ Zur Strafe
ward ihnen der Tanz zur Plag'/ bis sie tanzten zur Buß' in Echternach!" |
|
 |
 |
|
|
| Willibrord, geboren 658 in Northumbrien, einer der englisch-irischen
Missionsapostel um Bonifatius. Seit 698 Bischof von Utrecht mit Kloster
in Echternach. 729, bei einer Missionsreise in die Eifel, sieht er sich
in Waxweiler statt andachtsvollen Gläubigen einem Haufen entfesselt
Tanzender gegenüber. Erst knappe 200 Jahre vorher war die Gegend
christianisiert worden. Da ist der Veitstanz als Heiltanz gegen die grassierende
Epilepsie nach dem Motto Gleiches mit Gleichem heilen' den Eifelanern
noch lieber als der Gottesruf. |
|
|
 |
|
|
| Willibrord soll der heilige Zorn gepackt haben - mit den erwähnten
Folgen. Seitdem, vor allem nach dem Tod des Heiligen 739, und verbürgt
seit 1497 in einem Weistum, sind die "Springenheiligen" an Pfingsten
von Waxweiler nach Echternach gepilgert und haben dabei den bekannten
Tanz aufgeführt. Der Heilige wird bis heute bei Bewegungserkrankungen
angerufen. |
|
|
 |
|
|
| Andere wissenschaftlich plausiblere Erklärungen führen den
Ursprung auf die Abgabepflicht des Ortes gegenüber der mächtigen
Abtei mit Besitztümern im heutigen Benelux und in Deutschland zurück.
Die Bannprozession habe der Entrichtung der Abgaben gedient. |
|
|
 |
|
|
| Ich halte eine Weiterführung der heidnischen Tradition mit missionarischen
Mitteln ins Christentum für plausibel. Schließlich war Bischof
Willibrord als Pragmatiker bekannt - in Echternach gründete er eine
Art Fachschule für Missionare. |
|
|
 |
|
|
|
"Und das ist mein Glaube!"
|
|
| |
|
|
| So oder so - für Waxweilers Bürgermeister
Klaus Juchmes ist klar, dass die heute sogar rund 450 Pilger zu Beginn
der "Königsetappe" einen "Willibrord-Schnaps"
zur Stärkung brauchen. So fällt der Start um sieben Uhr nach
einer Morgenmesse ins 38 Kilometer entfernte Bollendorf am deutsch-luxemburgischen
Grenzfluss Sauer leicht. Ankunft dort gegen 20 Uhr - in rund 13 Stunden. |
|
 |
 |
|
|
| Vorneweg pilgert Adolf Schilz . Der 61-jährige ist in diesem Jahr
zum 50. Male dabei und einer aus der Fahnen- und Kreuzträgergruppe:
"Wir sind damals mit fünf Geschwistern mitgegangen. Und 1954
sind wir ausgebrannt zu Hause. Das hat mich erregt, jedes Jahr wieder
mitzugehen. 1961 hab' ich Schien- und Wadenbeinbruch und Meniskus gehabt,
und da hab' ich mir vorgenommen, so lange wie ich kann, mitzugehen nach
Echternach. Weil es mir alles gut gelungen ist, keine Folgen mehr, keine
Schmerzen mehr. Und das ist mein Glaube". |
|
 |
 |
|
|
| Der Glaube. Ein Gebetsanliegen hat jeder
von uns. Zum Beispiel die Bitte, "dass die Familie gesund bleibt",
sagt eine Pilgerin; "das gibt mir Kraft, ich komme zur Ruhe",
begründet ein Anderer. Und warum ich denn mitgehe? Ich bin auf Testreise.
Irgendwann an diesem Tag habe aber auch ich mich als Pilger nach Echternach
gefühlt. Das Gefühl ist stärker geworden. |
|
|
 |
|
|
| Der Höhenunterschied zwischen Start
und Ziel beträgt mehrere hundert Meter. Unsere "Pyrenäenetappe"
kommt aber erst im Schlussdrittel. Dann geht es ab Mettendorf nach Nusbaum
hinauf und weiter zum "Schwarzen Bruch", schließlich hinunter
nach Bollendorf. Länge: zwölf Kilometer. |
|
|
 |
|
|
| So weit sind wir noch lange nicht, als sich unsere Gruppe durch den
"Geweberwald" hinauf zum Pausenort Krautscheid auf rund 550
Metern Höhe quält. Aus dem Wald kommend öffnet sich die
Landschaft und gibt den Blick frei auf die Höhenkämme der sattgrünen,
frühsommerlichen Südeifel. Strahlender Sonnenschein, die Luft
ist frisch, ohne Schwüle. Am Ortseingang winkt eine Bäuerin
einige Pilger in ihren Hof hinein. "Das war früher überall
entlang der Route üblich, dass die Bevölkerung die Pilger zu
Speis und Trank, auch zur Übernachtung zwischen den Tagesetappen,
einlädt", erklärt Brudermeister Werner Telkes in einer
Gebetspause. Zur Nacht fahren die Meisten heute per PKW nach Hause und
kommen morgens zur Wallfahrt zurück. |
|
|
 |
|
|
|
Es schließt sich ein Kreis
|
|
 |
|
|
| Mittagspause in Neuerburg im Enztal. Bisher
- nach der Hälfte der Gesamtstrecke - ist alles gut gegangen. Die
Pilgergruppe war ganz bei sich vor allem im waldstillen Walbachtal. Nun
werden wir vom Musikverein Neuerburg empfangen. Die Stimmung ist festlich,
ernst. Vorbei am barocken Marktplatz des Fleckens Einzug in die prächtige
gotische St.Nikolaus Kirche. Hier begrüßt uns Pfarrer Schmidt
zur Andacht - und findet bei der Ansprache die richtigen Worte. Die Akustik
im Gotteshaus ist phänomenal. Die Lieder sind strahlend, die Gebete
geschmettert. Mitreißend. |
|
|
 |
|
|
| Um halb acht Uhr am Abend haben wir schließlich Bollendorf erreicht.
Die berüchtigte letzte Etappe war nicht so schlimm wie gedacht, doch
die letzten zehn Kilometer wurden lang. Wir hatten Glück. Es war
nicht so heiß wie Anfang der 70er Jahre, als der "Teer zwischen
Sinspelt und Mettendorf von der Straße floss und die Schuhe kleben
blieben", so Alfred Schilz. Wir hatten auch keinen Hagelsturm, wie
ein anderes Mal, als die Wallfahrt unterbrochen werden musste. |
|
|
 |
|
|
| Stolz, Demut und Glück. Das habe ich
empfunden, als wir am Dienstag nach Pfingsten, kurz vor acht Uhr, nach
acht Kilometern "Spaziergang" von Bollendorf nach Echternacherbrück
unter den Klängen des Musikvereins Echternach über die altehrwürdige
Sauerbrücke ans Ziel unserer Reise, die Willibrord-Basilika in der
Altstadt von Echternach, geleitet wurden. |
|
 |
 |
|
|
Zum Pontifikalamt mit dem Erzbischof von Luxemburg sind die besten Plätze
im Innenraum für uns reserviert. Direkt unter dem Altar ist die -
für mittelalterliche Verhältnisse - große Krypta mit dem
Sarkophag Willibrords. Durch das Krypta-Nadelöhr müssen die
Springer zum Abschluss der einstündigen Prozession. Dort werfen viele
der Springer beim Vorbeispringen eine Geldgabe vor den Sarkophag des hl.
Willibrord.
Im Anschluss an das Kirchenhochamt, beim Pilgerfrühstück im
Barock-Umgang der Abtei, ziehen die Wallfahrer eine erste Bilanz. |
|
|
 |
|
|
| Es schließt sich ein Kreis. Dieses
Gefühl überwältigte mich später beim feierlichen Prozessionsgang
durch die Altstadt. Ein Gefühl, wie es vielleicht viele ergreift
und packt, die zum ersten Mal einen solchen Weg gegangen sind. Auch, weil
man nun ein Teil der Tradition geworden ist, die eine der ältesten
und bekanntesten Wallfahrten Mitteleuropas am Leben erhält. Vielleicht,
weil auch ich ein Skeptiker bin. |
|
|
 |
|
|
| Eine Tradition, die mittlerweile von der
Amtskirche mit wohlwollen gesehen wird. Das war noch im 18. Jahrhundert
anders. Damals gab es gleich zwei offizielle Verbote des "Gebetes
mit den Füßen". Dem Klerus ganz oben war die aus der Volkfrömmigkeit
kommende Echternacher-Gebetsbewegung ganz unten suspekt. 1777 sprach Erzbischof
und Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Trier den Verbotsukas aus, 1786
gar Kaiser Joseph II. Genutzt hat beides nichts. Die Willibrord-Pilger
ließen sich das Wallfahren und Springen nicht verbieten. Unterbrechungen
der Springprozession gab es inden Jahrhunderten allerdings immer wieder.
Zum Beispiel zwischen 1798 und 1801 zu den Hochzeiten der Französischen
Revolution. |
|
|
 |
|
|
| Auch die Prüm-Waxweiler "Springenheiligen" wie die Pilger
aus der Eifel seit Jahrhunderten genannt werden, kamen nicht immer ans
Ziel: Während des Zweiten Weltkrieges war ihnen der Gang über
die deutsch-luxemburgische Grenze untersagt. Kurz nach Ende des Krieges
zumindest durch umständliche Pass-Formalitäten am Zollhäuschen
vor der Brücke über die Sauer noch erschwert. Einige der Gläubigen
sollen da, so kurz vor dem Ziel, einfach den Sprung in den Grenzfluß
gemacht haben und sind hinüber zum Willibrord-Ufer geschwommen. |
|
|
 |
|
|
|
|
| |
|
|
| Draußen, im riesigen Abteihof, warten
jetzt rund 11.500 Prozessionsteilnehmer aus Benelux und Deutschland. Aufgeteilt
in 45 Gruppen der Pilger, Springer und Musiker. Ein heilloses Chaos, das
das Team um Organisationsleiter Claude Fisch ordnet. Er wird auch "mitspringen"
- aber "erst in der letzten Gruppe, wenn eigentlich schon alles gelaufen
ist". Und er erklärt, wie das ist, wenn man den alten Veitstanz
tanzt. Fisch ist Mitglied des Willibrordus Bauverein , der 1852 gegründeten
Echternacher Dombauhütte, die seit 1975 den Ablauf der Springprozession
regelt. Zuvor habe es, so Fisch diplomatisch, "einige Missstände
gegeben". |
|
|
 |
|
|
Der "Bauverein" war die erste
Bürgerinitiative der Stadt. Er rettete dank großherziger Spenden
die nach der Säkularisation zur Fabrik verkommene und verkaufte Basilika
vor dem Verfall. Er begann den Wiederaufbau der Kirche nach den Zerstörungen
der Stadt im Zweiten Weltkrieg, und kümmert sich heute auch um Marketing
und Werbung für die Basilika.
Der Präsident des rührigen - erst seit wenigen Jahren gemeinnützigen
(!) - Vereins, Pierre Kauthen, hatte mir wenige Tage vor Pfingsten in
der noch vorfestlich-stillen Krypta der Basilika, vor dem Grab des hl.
Willibrord, erklärt, wie er die Entwicklung der Springprozession
sieht . Und es sei bemerkenswert, wie viele junge Leute, die mit der seit
gut zehn Jahren angebotenen Nacht-Sternwallfahrt "Pax Christi - Route
de L'Echternach" ins Städchen pilgern, der Tradition am Pfingstdienstag
einiges abgewinnen können . |
|
|
 |
|
|
| Die Pilgergruppe aus Prüm-Waxweiler
bildet traditionell nach Polizeikordon und Willibrord-Sängern die
Spitze des ganzen Zuges. Und "unsere" Springergruppe" führt
wiederum die Reihe der 44 anderen an. Vorbei an rund 15.000 Zuschauern.
Echternach, das 5000-Einwohner-Städtchen, ist heute zu klein. |
|
 |
 |
|
|
| Doch deswegen bin ich nicht mitgegangen. |
|
|
 |
|
|
Das sprichwörtliche "Gebet mit
den Füßen" beginnt links vor, Wechselschritt, rechts,
jeweils das "springende" Bein schräg vor das andere setzend.
Aber es geht niemals zurück! Gesprungen wird ganz unterschiedlich:
mal andächtig-verhalten, mal militärisch-exakt oder munter-chaotisch
wie die Jugendlichen der "Pax Christi"- Sternwallfahrt. Auch
mir als "gehenden" Prozessionsteilnehmer hat sich "Adam
hatte sieben Söhne", die alte Volksweise, die seit 1850 in orchestrierter
Form im Polka-Takt die Springer leitet, eingeprägt. Ein Ohrwurm.
Die gesamte Altstadt von Echternach hallt wider von der Melodie, die die
Musikkapellen stundenlang intonieren.
Ich ziehe Bilanz. |
|
|
 |
|
|
| Am frühen Nachmittag, die letzte Prozessionsgruppe
hat die Basilika verlassen, setzt erstmals an diesem Tag die lärmend-muntere
Mischung aus Musik und Fahrgeschäft-Signaltönen der Pfingstkirmes
am Sauerufer ein. Ein heisser Frühsommertag. Im Gras am Ufer der
Sauer lässt sich jetzt bestens ein Nickerchen machen. |
|
|
 |
|
|
| Stefan Lieser |
|
|
| Für Rheinischer Merkur + Deutschlandfunk © 2003 |
|
|
 |
|
|
| Seitenanfang |
|
|
 |
|
|