| Der Weg nach Echternach |
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| Es war ganz einfach: Regenschutz, Ersatz-T-Shirt, Mineralwasser,
Shorts, Wanderschuhe, Rucksack. Und jetzt der erste Schritt. Doch dass
ich ihn wirklich gehe, hätte ich nicht gedacht. |
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| Es ist Pfingstsonntag, kurz vor 13 Uhr, als in der Salvator-Basilika
im Eifelstädtchen Prüm die Andacht vor der traditionellen dreitägigen
Fußwallfahrt über 68 Kilometer zur berühmten Springprozession
im luxemburgischen Echternach beginnt. Am Eingang der Kirche verkauft
Monika Rolef dreieckige Pilgertücher aus Leinen. Ich frage Sie nach
der Wettervorhersage. Die Antwort: "'Entweder sprenge se ze Prim
naaß und ze Echternach drei - oder ze Echternach naaß und
ze Prim drei,' heisst es seit alters her". Wir werden sehen. |
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| "Das Beten verlernt man nicht!", hatte mir Wallfahrtsleiter
Klaus Meyer mit auf den Weg zu meiner ersten Pilgerreise gegeben. Er muss
es wissen, denn er leitet die Echternach-Geher seit über 20 Jahren.
Ich erstehe für einen Euro das kleine Pilger-Gebetsheft mit den Marien-Rosenkränzen
und Liedern. |
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| Drückend schwüle Hitze, als die rund 350 Pilger aus allen
Altersgruppen und Gesellschaftsschichten gegen 13.30 Uhr die Kirche hinter
einer "Springergruppe" und dem Musikverein Prüm verlassen.
Sie gehen hintereinander auf der rechten Straßenseite. In der Mitte
alle circa 20 Meter Vorbeter mit einem messingverzierten Stock für
die Gebets- und Pausenkommandos. Am Ende ein "Besenwagen" des
DRK und ein Planwagen für das Gepäck. Am Straßenrand Zuschauer,
viele mehr oder weniger gaffend. |
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| Es geht nach Waxweiler, 20 Kilometer durch das romantische Prümtal.
20 von 68 über Asphalt. Am Nachmittag Gewitterschauer. Um halb acht
Uhr am Abend sind wir da - und noch 48 Kilometer vom Ziel entfernt. |
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| 5.50 Uhr am Pfingstmontag-Morgen läuten die Glocken der Pfarrkirche
zu Waxweiler zum zweiten und eigentlichen Start der Wallfahrt. Denn erst
seit 1860 geht die Pilgergruppe ab Prüm nach Echternach. Angefangen
haben soll alles hier, und zwar 729. Eine Gedenktafel am Kirchturm erklärt
warum: "Hier mahnte vergebens St. Willibrord/ die Frevler, die tanzten
am heiligen Ort./ Zur Strafe ward ihnen der Tanz zur Plag'/ bis sie tanzten
zur Buß' in Echternach!" |
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| Willibrord, geboren 658 in Northumbrien, einer der englisch-irischen
Missionsapostel um Bonifatius. Seit 698 Bischof von Utrecht mit Kloster
in Echternach. 729, bei einer Missionsreise in die Eifel, sieht er sich
in Waxweiler statt andachtsvollen Gläubigen einem Haufen entfesselt
Tanzender gegenüber. Erst knappe 200 Jahre vorher war die Gegend
christianisiert worden. Da ist der Veitstanz als Heiltanz gegen die grassierende
Epilepsie nach dem Motto Gleiches mit Gleichem heilen' den Eifelanern
noch lieber als der Gottesruf. |
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| Willibrord soll der heilige Zorn gepackt haben - mit den erwähnten
Folgen. Seitdem, vor allem nach dem Tod des Heiligen 739, und verbürgt
seit 1497 in einem Weistum, sind die "Springenheiligen" an Pfingsten
von Waxweiler nach Echternach gepilgert und haben dabei den bekannten
Tanz aufgeführt. Der Heilige wird bis heute bei Bewegungserkrankungen
angerufen. |
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| Andere wissenschaftlich plausiblere Erklärungen führen den
Ursprung auf die Abgabepflicht des Ortes gegenüber der mächtigen
Abtei mit Besitztümern im heutigen Benelux und in Deutschland zurück.
Die Bannprozession habe der Entrichtung der Abgaben gedient. |
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| Ich halte eine Weiterführung der heidnischen Tradition mit missionarischen
Mitteln ins Christentum für plausibel. Schließlich war Bischof
Willibrord als Pragmatiker bekannt - in Echternach gründete er eine
Art Fachschule für Missionare. |
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| So oder so - für Waxweilers Bürgermeister Klaus Juchmes ist
klar, dass die heute sogar rund 450 Pilger zu Beginn der "Königsetappe"
einen "Willibrord-Schnaps" zur Stärkung brauchen. So fällt
der Start um sieben Uhr nach einer Morgenmesse ins 38 Kilometer entfernte
Bollendorf am deutsch-luxemburgischen Grenzfluss Sauer leicht. Ankunft
dort gegen 20 Uhr - in rund 13 Stunden. |
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| Vorneweg pilgert Adolf Schilz. Der 61-jährige ist in diesem Jahr
zum 50. Male dabei und einer aus der Fahnen- und Kreuzträgergruppe:
"Wir sind damals mit fünf Geschwistern mitgegangen. Und 1954
sind wir ausgebrannt zu Hause. Das hat mich erregt, jedes Jahr wieder
mitzugehen. 1961 hab' ich Schien- und Wadenbeinbruch und Meniskus gehabt,
und da hab' ich mir vorgenommen, so lange wie ich kann, mitzugehen nach
Echternach. Weil es mir alles gut gelungen ist, keine Folgen mehr, keine
Schmerzen mehr. Und das ist mein Glaube". |
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| Der Glaube. Ein Gebetsanliegen hat jeder von uns. Zum Beispiel die Bitte,
"dass die Familie gesund bleibt", sagt eine Pilgerin; "das
gibt mir Kraft, ich komme zur Ruhe", begründet ein Anderer.
Und warum ich denn mitgehe? Ich bin auf Testreise. Irgendwann an diesem
Tag habe auch ich mich als Pilger nach Echternach gefühlt. Das Gefühl
ist stärker geworden. |
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| Der Höhenunterschied zwischen Start und Ziel beträgt mehrere
hundert Meter. Unsere "Pyrenäenetappe" kommt aber erst
im Schlussdrittel. Dann geht es ab Mettendorf nach Nussbaum hinauf und
weiter zum "Schwarzen Bruch", schließlich hinunter nach
Bollendorf. Länge: zwölf Kilometer. |
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| So weit sind wir noch lange nicht, als sich unsere Gruppe durch den
"Geweberwald" hinauf zum Pausenort Krautscheid auf 550 Metern
Höhe quält. Aus dem Wald kommend öffnet sich die Landschaft
und gibt den Blick frei auf die Höhenkämme der sattgrünen,
frühsommerlichen Südeifel. Strahlender Sonnenschein, die Luft
ist frisch, ohne Schwüle. Am Ortseingang winkt eine Bäuerin
einige Pilger in ihren Hof hinein. "Das war früher überall
entlang der Route üblich, dass die Bevölkerung die Pilger zu
Speis und Trank, auch zur Übernachtung zwischen den Tagesetappen,
einlädt", erklärt Vorbeter Werner Telkes in einer Gebetspause.
Zur Nacht fahren die Meisten heute per PKW nach Hause und kommen morgens
zur Wallfahrt zurück. |
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| Mittagspause in Neuerburg im Enztal. Bisher - nach der Hälfte der
Gesamtstrecke - ist alles gut gegangen. Die Pilgergruppe war ganz bei
sich vor allem im waldstillen Walbachtal. Nun werden wir vom Musikverein
Neuerburg empfangen. Die Stimmung ist festlich, ernst. Vorbei am barocken
Marktplatz des Fleckens Einzug in die prächtige gotische St.Nikolaus
Kirche. Die Akustik im Gotteshaus ist phänomenal. Die Lieder sind
strahlend, die Gebete geschmettert. Mitreißend. |
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| Um halb acht Uhr am Abend haben wir schließlich Bollendorf erreicht.
Die berüchtigte letzte Etappe war nicht so schlimm wie gedacht, doch
die letzten zehn Kilometer wurden lang. Wir hatten Glück. Es war
nicht so heiß wie Anfang der 70er Jahre, als der "Teer zwischen
Sinspelt und Mettendorf von der Straße floss und die Schuhe kleben
blieben", so Alfred Schilz. Wir hatten auch keinen Hagelsturm, wie
ein anderes Mal, als die Wallfahrt unterbrochen werden musste. |
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| Stolz, Demut und Glück. Das habe ich empfunden, als wir am Dienstag
nach Pfingsten, kurz vor acht Uhr, nach acht Kilometern "Spaziergang"
von Bollendorf nach Echternacherbrück unter den Klängen des
Musikvereins Echternach über die altehrwürdige Sauerbrücke
ans Ziel unserer Reise, die Willibrord-Basilika in der Altstadt von Echternach,
geleitet wurden. |
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| Zum Pontifikalamt mit dem Erzbischof von Luxemburg sind die besten Plätze
im Innenraum für uns reserviert. Direkt unter dem Altar ist die -
für mittelalterliche Verhältnisse - große Krypta mit dem
Sarkophag Willibrords. Durch das Krypta-Nadelöhr müssen die
Springer zum Abschluss der einstündigen Prozession. |
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| Es schließt sich ein Kreis. Dieses Gefühl überwältigte
mich später beim feierlichen Prozessionsgang durch die Altstadt.
Ein Gefühl, wie es vielleicht viele ergreift und packt, die zum ersten
Mal einen solchen Weg gegangen sind. Auch, weil man nun ein Teil der Tradition
geworden ist, die eine der ältesten und bekanntesten Wallfahrten
Mitteleuropas am Leben erhält. Vielleicht, weil auch ich ein Skeptiker
bin. |
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| Draußen, im riesigen Abteihof, warten jetzt rund 11.500 Prozessionsteilnehmer
aus Benelux und Deutschland. Aufgeteilt in 45 Gruppen der Pilger, Springer
und Musiker. Ein heilloses Chaos, das das Team um Organisationsleiter
Claude Fisch ordnet. Fisch ist Mitglied des "Willibrordus Bauverein",
der 1862 gegründeten Echternacher Dombauhütte, die seit 1975
den Ablauf der Springprozession regelt. Zuvor habe es, so Fisch diplomatisch,
"einige Missstände gegeben". |
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| Der "Bauverein" war die erste Bürgerinitiative der Stadt.
Er rettete dank großherziger Spenden die nach der Säkularisation
zur Fabrik verkommene und verkaufte Basilika vor dem Verfall. Er begann
den Wiederaufbau der Kirche nach den Zerstörungen der Stadt im Zweiten
Weltkrieg, und kümmert sich heute auch um Marketing und Werbung für
die Basilika. |
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| Die Pilgergruppe aus Prüm-Waxweiler bildet traditionell nach Polizeikordon
und Willibrord-Sängern die Spitze des ganzen Zuges. Und "unsere"
Springergruppe" führt wiederum die Reihe der 44 anderen an.
Vorbei an rund 15.000 Zuschauern. Echternach, das 5000-Einwohner-Städtchen,
ist heute zu klein. |
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| Doch deswegen bin ich nicht mitgegangen. |
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| Das sprichwörtliche "Gebet mit den Füssen" beginnt
links vor, Wechselschritt, rechts, jeweils das "springende"
Bein schräg vor das andere setzend. Aber es geht niemals zurück!
"Gesprungen" wird mal andächtig-verhalten, mal militärisch-exakt
oder munter-chaotisch wie die Jugendlichen der "Pax Christi"-
Sternwallfahrt. Auch mir als "gehenden" Prozessionsteilnehmer
hat sich "Adam hatte sieben Söhne", die alte Volksweise,
die heute in orchestrierter Form im Polka-Takt die Springer leitet, eingeprägt.
Ein Ohrwurm. Die gesamte Altstadt von Echternach hallt wider von der Melodie,
die die Musikkapellen stundenlang intonieren. |
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| Am frühen Nachmittag, die letzte Prozessionsgruppe hat die Basilika
verlassen, setzt erstmals an diesem Tag die lärmend-muntere Mischung
aus Musik und Fahrgeschäft-Signaltönen der Pfingstkirmes am
Sauerufer ein. Ein heisser Frühsommertag. Im Gras am Ufer der Sauer
lässt sich jetzt bestens ein Nickerchen machen. |
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